SVZ 11. Februar 2008



Amor ist eine Frau

-- von Anja Bölck --

Schicksal spielen macht Sigrid Unger Spaß. Erst recht, wenn sie sieht, wie viele Menschen allein durchs Leben stapfen. Unerträglich ist ihr dieser Gedanke. Und deshalb organisiert sie in ihrer Freizeit ungewöhnliche Veranstaltungen für einsame Herzen. Flirten auf die schnelle Tour ist eine davon.

Gleich werden die wildfremden Männer kommen. Nervös zupfen die Damen im schummerigen Licht ein letztes Mal die Haare zurecht. Ihre Wangen glühen wie vor einer Prüfung. Endlich öffnet sich die Tür und die Herren treten ein. Jeder setzt sich zu einer der Damen an den Tisch. Sieben Minuten werden sie sich jetzt in die Augen schauen, dann wird gewechselt. Sieben Minuten, die verdammt lang werden können, wenn man sich nichts zu sagen hat. Andererseits reichen sieben Minuten aus, um festzustellen, wen man sympathisch findet. Am Ende schreibt jeder auf, wen er nett gefunden hat. Dann ist es geschafft. Alle atmen auf.

-- Beim Express-Flirten sind alle extrem nervös --

Sigrid Unger, die die ganze Zeit das Geschehen im Auge behalten hat, sammelt die Zettel ein. Später wird sie übers Internet den Damen und Herren die Ergebnisse mitteilen. Blitz-Dating nennt sich das Ganze. Hierbei handelt es sich um eine moderne Form von Kennenlern-Treffs, die Sigrid Unger seit vier Jahren in Rostock und Schwerin unter der Marke "arameo" organisiert. Stolz erklärt die 55-Jährige: "Beim Blitz-Dating lernen Singles auf einmal viele Menschen kennen, die zu ihnen passen könnten. Nerven zerreibende einzelne Verabredungen entfallen und verletzende Körbe gibt es nicht."

Als Sigrid Unger vor ein paar Jahren das erste Mal im Fernsehen so etwas wie Express-Flirten sah, dachte sie: "Das könnte man doch besser machen." Flugs weihte sie den in Rostock studierenden Sohn in ihre Pläne ein. Als er wieder bei ihr zu Besuch ist, hielt er ein fertiges Konzept für seine Mutter in der Hand. Die rannte daraufhin los, um sich bei ihrem Arbeitgeber grünes Licht für die Nebentätigkeit zu holen. Das neue Gewerbe wurde angemeldet und 1994 war "arameo" geboren.


Sigrid Unger versuchte nicht, eine teure Partnervermittlung oder einen Club mit Monatsbeitrag aufzubauen. Was sie wollte, war schöne, originelle Veranstaltungen zu organisieren, um Singles aus ihren Schneckenhäusern rauszulocken. Gleichzeitig hoffte sie, ihre eigene Freizeit mit Leben zu füllen, was mit Menschen zu tun zu haben. Im Arbeitsleben war sie nur von Papier, Zahlen und PC umgeben. "Anfangs hatte ich die Idee, Stadtführerin zu werden. Aber mein weniges Englisch hielt mich davon ab."


-- Einladung zum Singlebrunch oder Kaffeeklatsch --

Inzwischen hat sie so viel Spaß mit "arameo", dass es ihr beinahe nichts ausmacht, wenn sie immer noch reinbuttern muss und immer noch rote Zahlen schreibt. Allein das Organisieren der Veranstaltungen kostet Mühe und Zeit. Akribisch durchforstet sie die Inserate in den Zeitungen und schreibt dann jene einsamen Herzen an, die sich für ihre Events interessieren könnten. Wer anbeißt, meldet sich per E-mail über die arameo-Website an. Zehn bis 20 Neuzugänge registriert sie jeden Monat. Sigrid Unger schaut genau hin. Wer könnte zu wem passen? Sie trifft eine Vorauswahl und lädt anschließend zum Singlebrunch oder Kaffeeklatsch 30plus, 40plus, 50plus oder 60plus ein. Anders als beim Blitz-Dating herrscht bei diesen Runden eine gemütliche, gelöste Atmosphäre. Vorab aber sind die meisten genauso nervös. So mancher ruft am Abend vorher bei ihr an und fragt, was er anziehen soll.


-- Neuer Bekanntenkreis, neues Glück --

Als einfühlsame Verkupplerin versteht Sigrid Unger die Aufregung. Vor nicht allzu langer Zeit war sie selber noch Single. Nach ihrer Scheidung 1995 beschloss sie, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Sie entschied sich, einen neuen Bekanntenkreis aufzubauen und schaltete kurz entschlossen folgende Anzeige in der Tageszeitung: "Suche neue Freunde für Freizeit, von Sport bis Kultur, männlich und weiblich". Kaum zu glauben, dass aus jenem ersten Treffen ein Freundeskreis entstand, den es seit genau zehn Jahren gibt und auf den Sigrid Unger mächtig stolz ist. Beinahe jeden Monat unternehmen sie etwas gemeinsam. "Als wir uns kennen lernten, waren wir alle Single", erinnert sich Sigrid Unger. "Inzwischen hat jeder einen Partner oder eine Familie."


-- Männliche Singles kommen nicht in die Puschen --

Durch den Freundeskreis erntet die Schwerinerin enorm viele Ideen für ihre Single-Events. Mal geht es auf Nachwächterführung, mal zum Tanzen oder Skilaufen. Kopfzerbrechen bereiten ihr noch die zurückhaltenden Männer. "Vor kurzem führte ich ein lustiges Gespräch. Ich nahm telefonisch Kontakt zu einem Herrn auf, der sich auf meiner Homgepage registriert hatte. "Ich habe mich nicht angemeldet", wehrte sich der Mann. "Das wird wohl meine Tochter gewesen sein. Sie hat gesagt, ich soll mal von der Couch aufstehen." Doch Sigrid Unger lässt nicht locker. Damit die Frauenquote bei ihren Treffen nicht zu hoch ist, muss sie noch mehr Männer ködern. Vor kurzem ist ihr das gelungen. Bei einer einfachen Strandwanderung in Warnemünde waren plötzlich erstaunlich viele Herren mit von der Partie.